„Uns gehört die Zukunft. Her mit der Macht.“ – forderte Udo Pastörs, der lustige kleine Mann auf dem LKW während er und seine 250 Wander-Glatzen trotz mehrmaligem Verlangen und wütendem Aufstampfen einfach nicht auf den Gräfenberger Marktplatz kamen. – Der war nämlich besetzt.
Tja, was haben auch die Gräfenberger auf ihrem eigenen Markplatz zu suchen.
Gehört hatten wir ja schon einiges von dieser Stadt und können sagen, sie ist wirklich etwas ganz besonderes. Dieser kleine fränkische Ort wird allmonatlich von der braunen Pest heimgesucht, doch Gräfenberg wehrt sich und das sogar mit ungeahnter Kreativität. So wurde z.B. das Kriegerdenkmal, vom braune Pöbel zum Mekka erhoben, kurzum einem privaten Verein verpachtet, so dass das Fallobst keine Zutritt mehr hat.
Bereits in den frühen Morgenstunden machte sich eine kleine aber glorreiche Delegation der FDÄ Südbayern auf, nachdem wir uns nach einem grenzgenialen Betriebsausflug am Freitag Abend entschlossen hatten, den zahlreichen Rufen nach Gräfenberg Folge zu leisten und unseren fränkischen Kameraden der Ansbacher Apfelfront mal spontan einen Besuch abzustatten. Weder die 3-stündige Anfahrt noch die halbstündliche Durchsage auf Antenne Bayern, wonach Gräfenberg hermetisch durch Team Green abgeriegelt sei, konnten uns abschrecken. Letzteres war keineswegs untertrieben. Nicht weniger als 3 Check-Points mussten wir passieren, doch die erwartete penible Kontrolle blieb trotz der schwarzen Kleidung und der offen im Wagen liegenden Banner und Megaphon gänzlich aus. Einem netten Lächeln und einer klaren Ansage „Wir wollen nach Gräfenberg rein zur Demo“ folgte ein kritischer Blick, ein Zurücklächeln und Durchwinken. Uns beiden Mädels konnten die Herrschaften einfach nicht widerstehen und so durften wir letztendlich sogar gleich an einer der Kontrollpunkte parken und bekamen noch gastronomische Tipps, wo es unterwegs zum Markplatz noch das beste Eis gibt. Etwas, worum uns eine Antifanten-Gruppe neidisch war. Dafür hatten die wiederum ein eigenes Sofa mitgebracht – weiß der Boskop, wie sie das gemacht haben.
Gegen Mittag waren die Gegendemos bereits im vollem Gange. Es gab Infostände der Jusos, der NoNPD, und einigen anderen mit zahlreichen Infobroschüren, Aufklebern sowie Unterschriftenlisten. Ein Teil des Marktplatzes war mit Bierbänken belegt und so gestaltete sich die gesamte Demo eher wie ein herrlich buntes Straßenfest mit Kind und Kegel, denn eine Anti-Nazi-Demo. Neben den enorm gut gelaunten Moderatoren, die unermüdlich die aktuellen Fußballergebnisse durchgaben, wurde die Menge noch von Kabarettisten, Sängern und einer Trommler-Truppe unterhalten. Politiker wie gemeines Volk war teils von arg weit her gekommen wie z.B. Aachen, Würzburg, München, Nürnberg und Wunsiedel, um in Gräfenberg ein deutliches Zeichen gegen Rechts zu setzen.
Um 16.00 Uhr musste der Bürgermeister das offizielle Ende der Veranstaltung bekannt geben. Hierzu war er rechtlich verpflichtet worden. Jedoch leben wir in einem demokratischen Rechtsstaat, wie der Moderator im Anschluss verkündete und so ließ er abstimmen: Räumen wir den Platz für die Nazis oder bleiben wir. Der Entschluss fiel einstimmig, laut und sehr sehr deutlich aus.
Um kurz vor 17.00 Uhr kündigte der Moderator unter tösendem Applaus die bereits in Gräfenberg gut bekannte fränkische Front Deutscher Äpfel an und der Gauleiter Fritz Sturm hielt seinem Volk spontan auf dem Podium eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Reden. Es folgten orgiastische Jubelschreie, stehende Ovationen und der eine oder andere Punk war zu Tränen gerührt. Ehrlich gesagt hats mich gewundert, dass nicht noch Omis ihre Schlüpper auf die Bühne warfen.
Team Green wollte ebenfalls Anteil nehmen. Aber anstatt ehrerbietig niederzuknien checkten sie lieber die Personalien des Gauleiters.
Sodann entdeckte Herr Sturm auch uns Kampfgefährten aus der Erfurter Maischlacht und versprach, uns nicht beim Führer wegen der fehlenden Armbinden zu melden. Im Gegenteil: Nachdem wir unsere kleiderordnungstechnischen Mängel mit der am Vortag stattgefundenen Beschlagnahme begründeten, leistete der Gau Franken ohne zu zögern Amtshilfe, ließ uns großzügig mit Armbinden ausstatten und verlieh uns dann noch den an diesem Tag enorm heiß begehrten Reichsapfelverdienstorden. Eine Ehre, die uns schier sprachlos machte.
Da das Fallobst die Demo bis 22.00 Uhr angemeldet hatte, sprich, sie auch bis dahin versuchen würden, auf den Markplatz zu kommen, wurden Durchhaltenparolen ausgegeben. Programm war ursprünglich nur bis 16.00 Uhr geplant, dennoch kam es zu keinen Lücken. Permanent wurde etwas dargeboten, gesprochen, gesungen, getrommelt, etc.
So rief die FDÄ dann auch zum „Hitler-Sport“ auf. Dem Reichsertüchtigungsminister (zumindest denke ich, dass er das war) wurde das Mikro vor die Nase gestellt. Die erste Reihe bestand rein aus FDÄler, die vorturnen sollten, doch diese erste Reihe musste schnell bis zum Podium vorrücken, da sich hinter uns mehr und mehr Leute aus der Zivilbevölkerung an dieser schweißtreibenden Angelegenheit beteiligten. Aber wer die Weltherrschaft an sich reißen möchte, muss eben fit sein.
Später gab´s dann noch eine hübsche FDÄ-Polonaise über den ganzen Platz und im Kreis um eine Gruppe Team Paris-Blue herum, sowie weitere Aktivitäten von Banner-Limbo mit Apfel-Jonglieren bis Skandal-Rosi-Pogo. Bei letzterem wurde der Text selbstverständlich umgedichtet. Dort hieß es nun „…. und draußen vor dem Platz stehn die Nazis sich die Füße platt. Skandal im Sperrbezirk. Skandal um Pastörs.“ *träller* *sing* *sing*
Auch ließ es sich der Gauleiter Frankens nicht nehmen, noch eben schnell eine seiner Kameradinnen mit einem Paris-Blueler zu verheiraten. Trotz dem wir zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach aufgefordert worden waren, den Markplatz zu räumen, machte dieser sogar mit. Ein Foto der rührend-romantischen Zeremonie ist derzeit auf Wikipedia zu bestaunen.
Am späten Abend startete Team Green dann erneut einen eher wenig motivierten Versuch, die Bevölkerung zum Heimgehen aufzufordern. Das Megaphone wurde schlichtweg von den „WIR BLEIBEN HIER!“-, „NAZIS-RAUS,RAUS,RAUS!“- und „APFELSAFT; APFELSAFT“-Parolen übertönt. Keine Chance. Das muss Team Green dann wohl auch erkannt haben , denn sie beschränkten sich sodann nur noch aufs Filmen und begannen später damit, die Nazis wieder gen Bahnhof zu deportieren.
Drecks – Trail away!“
Um 22.00 Uhr war der braune Spuk endlich vorüber. Gräfenberg ist bunt geblieben.
Heil Boskop!