Archiv für Oktober 2007

3. Frontgeburtstag – Audienz beim allseits geliebten Führer

Oktober 14, 2007

Wer am 6. Oktober 2007 die Hauptstadt der Bewegung – Leipzig – besucht hat, konnte die Erschütterung der Macht, die durch Mark, Bein, Stahlhelm und Armbinde ging, deutlich verspüren. Wer nicht dort war, hat definitiv ein Ereignis weltpolitischer Umspannung verpasst, denn Gaue aus allen Bundesländern des Reiches waren gekommen, um dem einzig-einen Führer ihre Aufwartung zu machen, ihm zu huldigen, Geschenke zu machen und Bier zu trinken.

Es begann ganz harmlos mit einer Depesche aus dem Führerhauptquartier, die per E-Post an die Gaue, Kringel und Ortsgruppen übermittelt wurde. Darin rief ER uns zu sich und es war keine Frage, selbstverständlich folgten auch wir – der glorreiche Boskopistische Traditionsgau Bayern – diesem Ruf, um die Verheißung Bayerns nach Leipzig zu bringen – oder auch andersrum.

Nach 5-stündiger Blut-Schweiß-und-Tränenfahrt im Automobil unserer Finanzministerin trafen wir, durch diverse Äpfel während der Fahrt gestärkt, durch ein Hitlermusical hochgeputscht, mit Zöpfen aufgehübscht und in Gucci-Block schwarz gestählt, in Leipzig ein.

Kurz nachdem wir per Bewegfernsprechgerät den Treffpunkt abgefragt hatten, entdeckten wir auch auf schon offener Straße und in freier Wildbahn die ersten fünf uniformierten Kameraden, die an einer Kreuzung vor unserem Automobil die Straße überquerten. Unser orgiastisches Jubelgeschrei und Gröhlen war laut, wäre aber wohl auch draußen besser zu vernehmen gewesen, hätten wir nicht in der Hektik vergessen die Autoscheibe runterzudrehen. Na, macht nix. Es stellte sich nämlich gleich darauf heraus, dass die Kameraden sowieso in eine völlig falsche Richtung unterwegs waren und so traf man sich eben später wieder.

Nach Sammlung, Begrüßung, Plaudern und Vorstellen im Aktionsbüro ging´s weiter zum eigentlichen Ort der Huldigung, wo wir sogleich des Führers ansichtig und von ihm – welch unglaubliche Ehre – sogar persönlich begrüßt wurden. Der ein oder andere unseres Gaus war überrascht über die ja fast menschlich anmutende Art des Einzig-Einen.

Nach und nach trafen junge und alte Kämpfer aus allen Himmelsrichtungen ein und es war gar herrlich mal endlich die Leute, die man zum Teil lediglich aus dem Weltnetz kannte, nun auch von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, auch wenn so gar keiner Ähnlichkeiten mit seinem Avatar aufwies. Es wurden Erfahrungen ausgetauscht, es gab Feldverpflegung und ne Menge gute Stimmung bevor es Ernst wurde und wir auf den Exerzierplatz hinausgebeten wurden, wo unser geliebter Führer, umrahmt von seinen getreuen Häschern von einer Dachterrasse aus eine heroische Ansprache an sein Volk hielt, uns ausgiebig lobte und uns für den weiteren Kampf Mut zusprach. Von reichlich Applaus und Parolen begleitet stieg er sodann herunter, was uns – angesichts der Tatsache, dass der Führer es wagt, auf ein und derselben Ebene wie wir gewöhnliches Volk zu wandeln – dazu veranlasste, uns vor seinen Füßen in den Dreck zu werfen. Für Nachbarn und Passanten war das sicherlich ein gar ergötzlicher Anblick.

Zudem gab´s weiterhin Parolen:
 Was gibt der deutschen Jugend Kraft? – APFELSAFT, APFELSAFT!
 Was bringt die FDÄ nach vor? – APFELKORN, APFELKORN!
 Deutsche Äpfel braucht das Land! – ANANAS WIRD ABGEBRANNT!
 ALERTA; ALERTA! APFELFACISTA!

Entgegen erster Mutmaßungen wurden hiervon weder Team Green noch die Antifanten angelockt.

Jedoch mussten bei den anschließenden Leibesertüchtigungsübungen, geleitet vom Gau Franken und von diesem liebevoll „Hitlersport“ genannt, gewisse Aktivitäten gegenüber Passanten mit den Worten „Es ist nicht das, wonach es aussieht.“, gerechtfertigt werden, was für weitere Heiterkeiten sorgte.

An dieser Stelle möchte ich auch darauf hinweisen, dass der gesamte Abend von einem Kamerateam begleitet und auf Zelluloid festgehalten wurde. Auf Nachfrage wurde mitgeteilt, dass es sich dabei um Frank Witja, also quasi dem Quentin Tarantino der FDÄ handelte, der die Front bereits für das erste Propagandavideo so glorreich in Szene gesetzt hatte. Wir dürfen gespannt sein.

Auch vor eben jene Kamera marschierten in der Abenddämmerung Heerscharren von schwarz uniformierten Apfelfrontlern im Stechschritt und entschlossenem Blick gen Führer Reih um Reih und reichlich beflaggt vorbei. Die Horden nahmen schier kein Ende, so dass es dann auch recht spät war, als der feierliche Teil begann:

Ein Audienzsaal, ca. 50 schwarz mit Armbinde gekleidete und bezöpfte Kameraden, entschlossener Blick, gedämpftes Licht, Bier. Vorne: ein Banner „Drei Jahre, drei Reiche – Danke Deutschland“, darunter ein Landschaftsbild. Links und rechts Fahnen und Banner. Davor sitzt der Führer auf sein Megaphone gestützt und empfängt geduldig die Huldigungen und Liebkosungen der Vertreter der einzelnen Gaue, die jeweils unter Applaus vor den Führer herankruscheln und ihm reichlich wohlwollende Geschenke darbringen.

In darauffolgenden Stunden wurde viel besprochen. Die Gaue präsentierten ihre Arbeit, übergaben entsprechende Dossiers. Es wurden Aktionen durchgesprochen, kritisiert, gelobt, gelacht und gewürdigt, Vorschläge verworfen und Beschlüsse gefasst.

Dann traten die Gründerväter und altgedienten Kämpfer erneut nach vor und erzählten bei Kerzenschein wie damals in den alten Tagen alles begann und wie es kam, dass wir nun alle hier versammelt waren. Romantisch-heroische Verklärung macht sich breit und hielt bis in die frühen Morgenstunden hindurch an.

Zum Abschluss wurde unserem Gau noch eine ganz besondere Ehre zu Teil: Eine standesgemäße Übernachtung in des Führers Wohnzimmer (einer kluger Mann hat mal gesagt: „Nichts anderes hätten wir akzeptiert.“), was eines unserer Mitglieder zu dem Entschluss verleitete, eine Autobiographie mit dem Titel: „Auf des Führers Sofa“ schreiben zu wollen.

Alles in allem ein gelungener Tag, Abend, Nacht und Morgen, der den Schlafentzug und eine Autopanne auf jeden Fall wert war. Es war grenzgenial und wird sicherlich nicht das letzte Ereignis seiner Art gewesen sein.

Saft und Ehre unserem geliebten Führer – und angefüllt möge sein Kühlschrank sein!
Heil Boskop!